Fragestellung: Wie interpretiert der Shintoismus den Tod im Vergleich zum Buddhismus?

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Der Tod - ein Thema, das in vielen Kulturen und Religionen von entscheidender Bedeutung ist. Im Shintoismus ist der Tod jedoch ein facettenreiches Konzept. Es gibt verschiedene Ansichten über das was nach dem Tod geschieht. Ist das Nirwana, ebenso wie im Buddhismus die Antwort? Oder wird jede verstorbene Person zu Kami und bleibt unter den Lebenden? Um diese Fragen zu klären lohnt sich ein tieferer Blick in die Praktiken des Shintoismus und den Einfluss des Buddhismus auf diese Glaubensrichtung.

In Japan existieren zwei dominierende Religionen – da ist der Shintoismus als heimische Religion und der Buddhismus der aus China importiert wurde. Die meisten Japaner sind Gläubige beider Glaubensrichtungen. Interessanterweise kann man von einer Art "Zweckreligiosität" sprechen. Der Shintoismus legt großen Wert auf rituelle Reinheit. Bedeutend sind die rituellen Reinigungen. Eine Menstruation oder der Tod werden als rituelle Unreinheiten angesehen. Diese Sichtweise führt zu Komplikationen im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Kaum jemand möchte hören, dass eine verstorbene Person die Überlebenden "verunreinigt" hat.

Im Gegensatz dazu bietet der Buddhismus Trost. Der Mahayana-Buddhismus der in Japan vorherrscht, lehrt, dass ein gläubiger Mensch nach dem Tod in ein "Reines Land" gelangt – ein Paradies, in dem der Verstorbene weiter an seinem endgültigen Eintreten in das Nirwana arbeiten kann. Dies schafft einen klaren Raum für eine Trennung der rituellen Praktiken beider Religionen: Freude und Lebensereignisse wie Geburten werden von Shinto-Riten begleitet, während der Buddhismus den Tod und den Trauerprozess abdeckt.

Eine interessante Dynamik entsteht durch die Rolle der Tempelpriester. Diese werden häufig innerhalb der Familie weitervererbt. Der Verdienst kommt größtenteils aus rituellen Praktiken beim Todestag, den Ahnenfesten (obon) und Beerdigungen. Diese Entwicklung führte zu der kritischen Bezeichnung "Begräbnis-Buddhismus". Einige sehen hierin eine Abkehr von der ursprünglichen Seelsorge und dem Gemeindeleben. Es geht vor allem um Einnahmen durch Totenriten. Anders verhält es sich seit den verheerenden Tohoku-Katastrophen im Jahr 2011. Hier engagieren sich buddhistische Organisationen vermehrt für die Lebenden. Seelsorge – Krisenintervention und Beratung stehen nun stärker im Fokus.

Laut dem Shinto-Glauben wird ein verstorbener Mensch zu einem Kami. Diese Ahnengeister können als Schutzgötter der Familie angesehen werden. Im Buddhismus hingegen verläuft der Übergang des Verstorbenen ins "Reine Land" oder in den Kreislauf der Wiedergeburt. Letztlich bleibt das Nirwana das Ziel auf das alle hoffen. Eine vermischte Betrachtung der Religionen ist nicht neu. Vor der Meiji-Restauration wurden Shinto-Kami oft als Verkörperungen von Buddhas und Bodhisattvas betrachtet. Der Glaube vereint also ähnliche Wesen nur in unterschiedlicher Form.

Ein bemerkenswerter Synkretismus findet sich heute noch im Shugendo, einer Art schamanistischem Austausch zwischen Buddhismus und Shintoismus. Während des Pazifikkriegs wurde der Tenno als Abkömmling der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu Omikami verehrt. Das Land wurde nationalistisch und militaristisch gleichgeschaltet. Auch dabei fand jedoch eine ideologische Angleichung zwischen den beiden Religionen statt. Das zeigt – wie komplex und vielschichtig die Beziehungen innerhalb der japanischen Religionen sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Herangehensweisen beider Religionen an den Tod zwar unterschiedlich sind jedoch ebenfalls starke Verbindungen und auch Überschneidungen aufweisen. Shintoismus und Buddhismus ergänzen sich auf ihre Weise und bieten den Gläubigen eine differenzierte Perspektive auf die letztendliche Frage des Lebens und des Todes.






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